Allererste quantenschäumende Weblese-Sahne #118
Autobahnen stillegen, Solarpanels rauf / Ökonomie anhand Ökologie / zu viel, zu verbreitet, schlimmer als befürchtet ➜ Pestizide / bislang beste Kurgeschichte in 2023 (von Jonathan Lethem)
Solarkraft ausbauen ohne weitere Natur in Anspruch zu nehmen
Um unseren CO2-Ausstoß auf Null zu reduzieren in den kommenden Jahren1, brauchen wir mehr regenerative Energiegewinnung. Dazu müssen wir Wasser-, Wind- und Solarkraft ausbauen: 1GW Solarkraft erfordert ca. 80 Quadrat-Kilometer Fläche für Solarpanels. Dafür bräuchten wir weitere Naturfläche, so denken alle. Aber das bisschen wilde Natur zerstören oder benutzen oder zupflastern, das wir noch haben, hilft uns auch nicht. Wo also das alles aufstellen?
stillgelegte Industriebrachen!
Straßen und Autobahnen mit Solar überdachen!
Parkplätze vor Malls, Baumärkten usw. mit Solar überdachen
Autobahnen stilllegen und dort Solar- und Windkraft aufbauen (mein Favorit)
schwimmende Solarpanels auf Seen errichten (aber dem See geht’s dann wohl etwas schlechter)
auf Feldern über den angebauten Pflanzen

Und mit dieser letzten Methode hat sich der in der Überschrift verlinkte Artikel beschäftigt. Die Idee kommt aus Deutschland: baut Solarpanels in 3-4m Höhe ÜBER die Felder und macht auf den Feldern weiter wie bisher.
Die Beschattung usw. führt zu mehr Bestäubung durch Insekten und höhere Erträge, sagt der Artikel. Bleiben höhere Installationskosten als auf einer leeren Fläche, die aber durch Bewirtschaftung der Fläche wieder reinkommen sollte (da ja auch mehr wächst usw.).
Designing an Economy Like an Ecologist
Gefunden habe ich das bei Patrick Tanguay in der aktuellen Ausgabe seines Newsletter Sentiers. Damit wir Wirtschaft (Ökonomie) verstehen, haben wir ein Modell aus der Ökologie übernommen: das des Wachstums. Seit dem so ist, vergessen wir aber vollkommen, welchen Zwängen Wachstum in Flora und Fauna unterworfen ist: In der Natur wächst beispielsweise nichts ewig vor sich hin, außer einem Geschwür. Das tötet dann aber den befallenen Organismus. Aber für unsere Gesellschaft gilt: unsere Wirtschaft soll trotz begrenzter Ressourcen ewig wachsen, aber daß der Planet dann stirbt, überrascht uns total.

Aber hier nun ein weiteres Problem: dieses ewige Wachstum, für daß es keinen Grund gibt und das wir bei richtigem Verständnis des zugrunde liegenden Modells auch kritisch betrachten müssen, führt zu Verlusten an Biodiversität. Denn die wachsende Spezies verdrängt alle anderen. So weit bekannt.
Aber wie fehlende Biodiversität ökologische Systeme für Katastrophen anfälliger macht, so macht fehlende Diversität in der Wirtschaft das Gesamtsystem auch anfälliger für Katastrophen. Ein Monopolist dominiert seine Industrie und macht den Wettbewerb schlechter, damit auch die Leistung für die Kunden, den Arbeitsmarkt für die Mitarbeiter, das gesamte wirtschaftliche Umfeld insgesamt. Auch in der Wirtschaft ist eine hohe Diversität, sprich: mehr Firmen im Wettbewerb, besser als eine geringe (ein Monopolist). Dieser Gedanke ist mir neu gewesen.
Und wir weisen gleich nochmal auf die typisch kapitalistische Lüge hin: Wirtschaft / Markt / Wettbewerb funktioniert am besten unreguliert, weil Ayn Rand … FDP … bla bla … Gründe. Sobald der Markt aber unreguliert ist, versuchen die größten Teilnehmer, den Wettbewerb abzuschaffen, indem sie sich selbst zum Monopol aufschwingen. Ja was denn nun? Wenn Wettbewerb gesund ist, dann müssen Monopole und Oligopole bekämpft werden. Und zwar auch aus Gründen der Marktdiversität, wie der verlinkte Artikel zeigt.
Zu viel, zu verbreitet und gefährlicher als gedacht
Die Bundesländer hatten eigentlich bis 2018 mal zu prüfen versprochen2, wie gut unsere deutschen Landen auf den Einsatz von Pestiziden reagieren. Hatten aber keinen Bock und keine Leute und ... vielleicht auch Lobbyisten von Chemiefirmen im Büro ... jedenfalls hat nun ein Wissenschaftsteam sowas gemessen bundesweit. Hier die besten Aussagen:
“Wir haben in 40 bis 60 Prozent der Proben Überschreitungen entdeckt, und sehr häufig massiv.”
“Zudem ergab die Untersuchung der Artenvielfalt, dass etwa ein Drittel der Organismen auf die gemessenen Konzentrationen extrem empfindlich reagieren.”
“Doch in Deutschland wie in der ganzen EU ist in den vergangenen Jahren die Sorge gewachsen, dass viele der Grundannahmen zur Sicherheit von Pflanzenschutzmitteln falsch sein könnten.”
“Von den 13 Faktoren der landwirtschaftlichen Intensivierung, die wir gemessen haben, hatte der Gebrauch von Insektiziden und Fungiziden konsequent negative Effekte auf die Biodiversität.”
“Der Durchschnitt pro Probe lag bei 17 Wirkstoffen.” (gemeint sind verschiedene Pestizide bei Insekten, die man in Naturschutzgebieten fand)
“Der Untersuchung zufolge reicht selbst eine Halbierung des Pestizideinsatzes, wie sie die EU-Kommission vorschlägt, nicht aus, um die Gewässer und ihre Bewohner zu schützen.”
Und die Bundesregierung hat im Dezember 2022 ein Abkommen unterschrieben, “bis zum Ende des Jahrzehnts die Belastung der Umwelt mit Pestiziden so zu reduzieren, dass Natur und Artenvielfalt keinen Schaden mehr nehmen”.
Kurzgeschichte: Narrowing Valley von Jonathan Lethem
Lethem hat Chronic City geschrieben, eins meiner Lieblingsbücher ever. Darin kommt Perkus Tooth vor, mein vielleicht beliebtester Romanheld ever. Als er von den Seiten des Romans verschwindet, war ich erschüttert wie selten zuvor. Ich hoffe immer, daß Lethem ein Fehler unterlief und Perkus’ Tod eine Falschmeldung war. Wenn ja, Perkus, melde Dich!
Hier nun schreibt Lethem eine Meta-Kurzgeschichte über sich selber, über Kurzgeschichten im Allgemeinen und insbesondere über die Kurzgeschichte Narrowing Valley von RA Lafferty aus dem Jahre 1973. Das ist ultrakomisch, super interessant und extrem gut belesen, was Lethem da schreibt. War ja auch zu erwarten, ist aber ein Höhepunkt bei Kurzgeschichten im Jahre 2023, finde ich.
Kaum kommentierte Links
Rivka Galchen ist eine meiner Lieblings-Journalistinnen beim New Yorker. Hier schreibt sie über The Science and Emotions of Lincoln Center’s New Sound und es gibt viel zu lernen über Soundqualität in Konzertsälen.
Künstliche Beleuchtung frißt nicht nur Energie, sondern macht die Nacht auch gefährlich für alle möglichen Tiere. Fragt mal durch Berlin ziehende Singvögel, wenn sie nachts über den komplett beleuchteten Alex fliegen, wo ein paar Falken sich auf rund um die Uhr beleuchtete Jagdgebiete spezialisiert haben. In Dänemark orientiert sich die Außenbeleuchtung einer Kirche daran, ob der Mond scheint.
In Indien steht die mit Abstand größte Statue der Welt: India Unveils ‘Statue Of Unity’ – The Worlds Largest Statue. Aber so richtig eins ist Indien nicht mehr, denn Hindus und Moslems bekriegen sich: s. z.B. When the Hindu Right Came for Bollywood.
Um das Ziel zu erreichen, die Erdatmosphäre im Durchschnitt um nicht mehr als 1,5° Celsius zu erwärmen (bedeutet ➜ auf dem Land: +3-4° Celsius, ➜ in Innenstädten +5-6° Celsius).
Politiker und Versprechen. Ich weiß. Wer daran noch glaubt, ist selbst dran doof.

