Allererste quantenschäumende Weblese-Sahne #116
Berlin sollte 2030 schon klimaneutral sein / Unnötiges in der Kunst ist gerade nötig / Gedichte vom Krieg
Berlin sollte schon 2030 klimaneutral sein
Dafür gab es in Berlin ein Bürgerbegehren, dass nun am 26.3.23 zu einem Volksentscheid führt. Dieser wurde von unseren lieben Politiker:innen absichtlich von der Wiederholungswahl abgesondert, denn so ein Volksentscheid muß 25% aller Wahlberechtigten erreichen, was natürlich neben einer Landtags- oder Bundestagswahl einfacher klappt denn als eigene Veranstaltung.
Damit sich diese zynischen Urdemokratie-Feinde aber nicht zu früh freuen, müssen wir diesen Volksentscheid eben auch so über die Bühne bringen. Beim Link unter der Überschrift, den ich aber hier gerne nochmal wiedergebe, findet ihr die Möglichkeit, dafür Unterlagen für die Briefwahl anzufordern (so ihr denn Berliner:innen seid).
Worum geht es bei diesem Volksentscheid?
Die wissenschaftlichen Arbeiten von mehr als 60.000 Wissenschaftler:innen weltweit sind im IPCC-Report kondensiert.
Die Aussage darin ist, wir haben nur noch 3-4 Jahre Zeit, um eine maximale menschenverursachte Erwärmung der Erdatmosphäre von 1,5° Celsius nicht zu überschreiten.
1,5° Celsius klingt richtig harmlos, ist es aber nicht. Wegen 70% Wasser auf der Erdoberfläche und Hitzestauung in menschlichen Siedlungen sind das in Innenstädten bereits 7-8° Celsius mehr.
Dafür muss unser Ausstoß von CO2 auf Null fallen. Aufgepasst: Nicht das Wachstum des CO2-Ausstoßes, sondern unser gesamter CO2-Ausstoß muß auf Null fallen.
Berlin will das bislang bis 2045 erreichen, also in 22 Jahren, nicht wie von den Wissenschaftlern des IPCC-Reports gefordert in 3-4 Jahren.
Das Bürgerbegehren Klima2030 will, daß Berlins Politik es immerhin bis 2030 erreicht. Selbst das wäre eigentlich 3 Jahre zu spät, aber immerhin.
Von Plastik in Muttermilch, Bodenerosion, Verlust an Artenvielfalt, zunehmenden Extremwetterlagen usw. reden wir dabei noch gar nicht. Hier geht es darum, den CO2-Ausstoß auf Null zu reduzieren. Auf kein CO2, das wir mehr ausstoßen. Auf nada, nitschewo, Nullikowski. Ohne Rechentricks wie z.B. Netto-Null, was wieder mal nur irgendein Rumgeschiebe von Zahlen ist, um weiter nichts machen zu müssen.
Also, fordert eure Briefwahl-Unterlagen an und dann lasst uns diesen Volksentscheid gewinnen.
The Unnecessary Is the Only Thing Necessary in Art
Lincoln Michel schreibt hier auf Substack vor allem übers Schreiben, z.B. über verschiedene Genres, über Plots usw. Da bin ich schon öfter hängen geblieben, da ich mir ja selber ausspinne, mal ein Buch zu schreiben. Ich weiß mittlerweile so viel darüber, wie man lange Texte schreibt. Aber beim Lange-Texte-Schreiben hapert es noch.
In der aktuellen Ausgabe seines Newsletters schreibt Michel darüber, was wir in Büchern, Filmen, Bildern und Plastiken alles ertragen müssen. Das reicht von gewalttätigem (oder überhaupt irgendwelchem) Sex bis zu Folter, Terror, Horror, Schimpfwörtern, auch rassistischen, Selbstmord-Gedanken oder -phantasien und ähnlichem. Ist das wirklich nötig? Muß man sich solch rohen Gedanken aussetzen? Kann man sich das nicht einfach ersparen, weil es doch nur billige Effekthascherei ist?
Ein bisschen kommt das daher, befürchtet Michel, daß wir heute Milliardäre haben, die Bücher ablehnen, weil sie Verschwendung sind: wer seine These nicht in einem Blogpost mit sechs Absätzen unterkriegt, labert einfach nur vor sich hin1. Wir haben außerdem Blinkist, wo Sachbücher kondensiert werden, so daß moderne Tech Bros wie Frank Tehlen und ihre Jünger bis zu 15 Sachbücher an einem Tag lesen können!2
Yet I would like to humbly suggest this thinking is entirely wrong. The unnecessary is most necessary part of art. Art is exactly the place to let your eye linger on what fascinates it. Art isn’t an SEO optimized app or a rubric for overworked teachers to grade five-paragraph essays. Art is exactly the space—perhaps the last space left—where we can indulge, explore, and expand ourselves. If we can’t be weird, extraneous, over-the-top, discursive, and hedonistic in our art, where can we be?
Das eigentliche Problem, so Michel, ist das Verallgemeinern: jemand mag eine Sex-Szene nicht und verallgemeinert dahingehend, alle Sexszenen seien überflüssig. Dito für Horror, Schimpfwörter etc. Aber ohne all dieses Drumherum, daß uns eine andere Sicht der Welt vorführt, wären Filme nur Minuten lang, Romane nur ein paar Seiten lang und alle Unterhaltung der Welt, Film, Show, Theater, Buch etc. würden wir in kurzen Bullet-Listen abarbeiten. Supereffizient, aber ebenso supersinnlos.
Geht es nicht bei Kunst genau darum, sich etwas Neuem auszusetzen und drüber nachzudenken, was es mit einem macht? Deutet vielleicht das Ablehnen all dieser aufrührenden Dinge wie Sex, Terror, Folter, Selbstmord nicht eigentlich auf fehlende Empathie bei den Lesern? Denn darum geht es doch auch beim Kunstkonsum: um das Hineinversetzen in die Lage anderer Menschen. Das ist oft unangenehm, aber genau darum geht es doch. Denn wenn ich verstehe, warum etwas in der Lage anderer Menschen unangenehm ist, dann kann ich doch vielleicht lernen, mein Verhalten zu verbessern, damit diese Anderen nicht immer in dieser anderen Lage sind?
A Cycle of Wartime Poems
Gedichte der Ukrainerin Yaryna Chornohuz, die als Sanitäterin auch an der Front des aktuellen Kriegs in der Ukraine ist. Ein Auszug:
darkness is my friend, and foe
she camouflages my body and my moves
she presses her shoulders on my heart
nothing will win night in this sky
none of us will lay down our arms
Es gibt ja Leute, die sagen, Gedichte sind die reinste Form der Literatur und deswegen auch die schönste, vielleicht sogar die einzige. Ich ignoriere Gedichte meistens. Ich lese am liebsten narrative Texte. Zwar gibt es Gedichte mit großen Narrativen drin, aber auch um die kümmere ich mich kaum3.
Ich habe zuhause gesammelte Werke einiger Autoren, die in Versform schreiben, aber die stehen ungelesen herum. Dabei sind Gedichte sind Kurzgeschichten und folgen deren Zwängen, wie neulich bei dem Witz ausgeführt.
Dabei sind wir Deutschen mal ein Land gewesen, in dem viel gedichtet und Gedichte gelesen wurden. Heinrich Heine sagte mal:
Die Deutschen sind ein gemeingefährliches Volk: Sie ziehen unerwartet ein Gedicht aus der Tasche und beginnen ein Gespräch über Philosophie.
Ist euch das, was gleich folgt, schon mal aufgefallen?
Übrigens ergibt sich ein Effekt von Gedichten bereits,
wenn ihr einfach einen normalen Text nehmt,
und ihn dann umbrecht, als ob er ein Gedicht sei.
Denn in Zeilenform fängt der Text an, zu atmen.
Wenn ihr dem Link folgt, der sich unter der Überschrift versteckt, findet ihr drei Gedichte von Yaryna Chornohuz. Lest die mal. Gedichte lesen bringt wirklich was, wenn ihr euch drauf einlasst.
Fast unkommentierte Links
Google ist ja so innovativ: Liste aller eingestellten “Ideen” Googles4
Bing und ChatGPT ist ja so intelligent, Leute: Die Zukunft ist schon fast da und sie ist voller idiotischer Fehler.
Wollt ihr beim Stolperstein-Projekt in Berlin mitmachen?
Wie man liest, ist eine Taktik von rechts, demnächst die deutschen Schöffen vor Gericht, die aus freiwilligen Ehrenamtler:innen bestehen, mit eigenen Leuten zu besetzen. Da wäre es besser, jemand von euch wird zum Schöffen!
Diesen Quatsch hat Cryptowährungs-Wunderkind SBF (Samuel Bankman-Fried) so rausposaunt. Ob er seine eigene Geschäftsführungs-Strategie auch in sechs Absätzen formuliert hat?
Leider funktioniert das so nicht mit der Übertragung von Informationen von Kurzzeit- zu Langzeitgedächtnis. Die Dauer der Beschäftigung mit einem Thema hat auch eine Bedeutung.
Immerhin, zuhause liegt Dantes Göttliche Komödie einer kommentierten Fassung, die im 2. Band ausgeschrieben ist (also die Versform hinter sich lässt). Allerdings habe ich bislang nur darin geblättert.
Was Google selber machte war, eine Suchmaschine zu kopieren (aber heute nur noch Werbung und SEO-Scheiße darin) und Hotmail zu kopieren. Der Rest wurde zugekauft, wie z.B. Youtube und solcher Mist.



